Zuchthausgeschichten
von
einem ehemaligen Züchtling

von Joseph M. Hägele

 

Mit einem Vorwort
von
Dr. Alban Stolz
Professor an der Universität zu Freiburg.

 

Zweiter Theil

 

Inhalt:

I. Der Duckmäuser
   1. Der Duckmäuser als Schulbube
   2. Dorfgeschichten
   3. Duckmäusers Glücksstern erbleicht
   4. Junges Glück und alter Hochmuth
   5. Der Duckmäuser wird Soldat, sucht und findet in der Kaserne Vorbilder
   6. Die Kirchweihe
   7. Wie Einer fast ohne Schuld des Teufels werden kann
   8. Itania, das Kasernenhäschen, der Deserteur
   9. Der Duckmäuser läßt sich Etwas erzählen
   10. Bruchsal
II. Aus den Briefen des Spaniolen
   1. Vorbericht
   2. I.
   3. II.
   4. III.
   5. IV.
   6. V.

Münster, 1853.

[ ] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos

Der Duckmäuser

Wir befinden uns im Krankensaale des Zuchthauses zu Freiburg. Es ist einhelles, freundliches, trauliches Gemach; die reinlichen Betten mit ihrenTäfelchen oben an der Wand, die einfachen, doch stets blank gescheuertenNachttische, der lange Tisch mitten in der Stube, dort an der Säule dieSchwarzwälderuhr mit ihrem bunten Zifferblatte und schwerfälligem,regelmäßigen Picken, der große Kachelofen dort neben der Thüre, dessen gelbglasirte Kacheln mit dem mattgrünen Wandanstriche harmoniren, derOrdinationskasten mit seinen Flaschen, Gläsern, Schüsseln und Dütenobendrauf, all dieses zusammen macht einen gemüthlichen, wohlthuendenEindruck und das geschäftige Hin- und Hereilen des Krankenwärters, dasfreundlich stille Benehmen des Aufsehers, das menschenfreundliche desArztes und der Beamten bei ihren Besuchen lassen Einen schier vergessen,daß man ein Zuchthäusler, ein Gefangener sei und dies um so mehr, weil dieTracht der Sträflinge durch die langen weißen Röcke der Genesenden inVergessenheit gebracht und der Lärm der Arbeitssäle nur von weitem zu hörenist.

Dort an einem Fenster sitzt ein bleicher, hohläugiger Bursche, hüsteltzuweilen und schaut mit seinen großen Augen, aus welchen bereits derLichtschimmer einer andern Welt leuchtet, schwermüthig und sehnsüchtig indie herrliche Landschaft hinaus. Das nahe Gebirge mit seinen buntenWäldern, langen Kämmen und Felsenwänden, die Hügel mit ihren Kapellen,Schlössern, Höfen, Obstgärten, Weinbergen und wogenden Saatfeldern, dasweite sonnige Rheinthal mit seinen blitzenden Quellen und Bächen,unübersehbaren Matten und Feldern, Alleen und kleinen Wäldchen, aus denendie Kirchthürme vieler Dörfer herüberwinken, im Hintergrunde eine lange imDuft verschwindende Waldlinie, weiter hinten eine Hügelkette voll Dörfern,gleichsam mitten in einem ungeheuern Garten stehend, vom dunkeln, denG

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